Fast hätte ich das 40-Jahre Jubiläum von MPAS-2 verpasst, aber es gibt ja das HNF Blog und da erschien im Oktober dieser wunderbare Artikel über Reuters. Vor 175 Jahren eröffnete Julius Reuter in London sein erstes Telegrafenbüro. Bis dahin hatte seine Nachrichtenagentur die Taubenpost verwendet. Durch das neue Telegrafenkabel zwischen England und USA ergaben sich ganz neue Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung. Mit einem weiteren Kabel durch den Ärmelkanal wurde auch der Kontinent angebunden. Durch die erst seit 1848 geschaffene Pressefreiheit setzte ein gewaltiger weltweiter Nachrichtenhunger der zahlreichen Zeitungsverlage ein. Im deutschen Zeitungsportal sind die historischen Zeitungen mit Millionen Ausgaben online verfügbar Deutsche Digitale Bibliothek
Die Reuters Technikgeschichte ist hier nachzulesen Technikgeschichte Reuters und das MPAS (multi-port access system) System findet sich unter Reuters die Achtziger Jahre
Reuters hatte also schon früh auf Innovationen gesetzt, wie das Bild der Dame am Fernschreiber beweist, das allerdings erst 1930 entstanden ist.

In den 80er Jahren hatte Reuters schon verschiedene Geräte im Angebot, die Handelsdaten der Börsen weltweit aktuell anzeigten, das Reuters Dealing Trading System (RDTS). Auf dem Bild des Handelsraums einer Bank (1985) sieht man die verschiedenen Bildschirme und Tastaturen, die sich auf dem Schreibtisch eines Händlers breit machten. Das wollten die Kunden aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, sondern in ihre eigenen Computersysteme integrierte Daten und Programme. Der Begriff Digitalisierung war noch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen.
Im Jahr 1985 auf der betrieblichen Weihnachtsfeier kam mein Abteilungsleiter Winfried bei IKOSS in Aachen auf mich zu. Beim Cognac erklärte er mir „du wir haben ein Problem“. Im Sommer hatte der Standort Stuttgart der Firma Reuters zugesagt MPAS-2 zu bauen (multi-port access system). Das neue System sollte den existierenden Nachrichtendienst zu den REUTERS-Terminals ersetzen durch eine Anwendung, die auf den 3270-Bidschirmen der Bankenkunden lief. Dazu fragte man uns als IBM-Systemhaus an. Nach drei Monaten Prüfung war die technische Stellungnahme der Spezialisten (the „Linter Brothers“) im HQ Stuttgart „nicht umsetzbar“.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich durch mein erstes erfolgreiches Projekt schon einen gewissen Ruf und sagte nach kurzer Abstimmung mit den Kollegen spontan zu. „Wir machen das“. Unserem Chef Peter Beyer blieb eine Entschuldigung bei diesem wichtigen Kunden erspart.
Die Realisierung wurde auf einer IBM Serie/1 mit RPS , Macroassembler und PL/1 programmiert. Damit hatten wir schon gute Erfahrungen gemacht im Bereich Multi-Protokoll Umgebungen und IBM Grossrechner Integration. Auf der Reutersseite wurden modifizierte BSC-Protokolle mit EBCDIC Kodierung eingesetzt, die wir in SDLC / SNA Protokolle umwandelten, um sie Mainframe Kompatibel zu machen. Zudem mussten wir das Verhalten der Börsenhändler simulieren, die mehrfach in der Minute die Tastenkombination FXFX drückten, das Kürzel für die Internationalen Devisenkurse (Foreign Exchange).

Bei der Suche in meinem ehemaligen Büro fand ich noch Unterlagen zu diesem Projekt, die ich euch gerne auszugsweise als PDF zur Verfügung stelle. Das Bild zeigt die Hardware Architektur und den Online Support, der Reuters sehr wichtig war.
Hier einige Begriffsdefinitionen zur besseren Lesbarkeit.
ISIS = IKOSS SOFTWARE INTEGRATION SYSTEM
AC = Aachen (Kfz-Kennzeichen)
ASYN = asynchrone Datenfernübertragung
BSC = Binary Synchronous Communication
LCC = Local Communications Controller
SNA = Systems Network Architecture
S/1 = IBM Series/1 Minicomputer
S = Stuttgart (Kfz-Kennzeichen)

Die Integration der historisch gewachsenen und nicht dokumentierten Reuters Protokollwelt erwies sich als Herausforderung. Wir saßen stundenlang vor dem Protokollanalysator (Wandel & Goltermann) und beobachteten was auf der DFÜ-Leitung passiert wenn man FXFX eingibt. Das Verhalten wurde dann in Code gegossen, wie wir das nannten. Im Juni 1986 konnte dann das erste System in FFM installiert und abgenommen werden. Bereits zwei Monate später kam der erste Folgeauftrag, dem noch viele weitere folgten. Siehe auch historischer Projektverlauf in Teil 2 der MPAS-2 Dokumentation.
Ein Highlight ist auch die 1987 vorgeschlagene Hardwareaufrüstung aus der Projektdokumentation. Also liebe ProgrammierkollegInnen: bitte immer schön dokumentieren was ihr so macht. Dann könnt ihr in 40 Jahren nachlesen was damals los war 🙂

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