Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Motorradwelt verändert. Waren bis 1960 die Neuzulassungen noch stark zurück gegangen bis auf wenige Tausend pro Jahr, so betrug die Anzahl neu zugelassener Zweiräder 1980 schon knapp 100.000. Während Horex, NSU und andere schon längst aufgegeben hatten, kamen Honda, Suzuki und Yamaha dazu und beherrschten mittlerweile das internationale Renngeschehen. Hier mussten wir natürlich dabei sein. Neben Kursen wie Nürburgring, Salzburgring usw. war vor allem die IOM (Isle of Man) unser Mekka. 1980 war ich mit der Laverda bereits das dritte Mal auf der Insel, diesmal allerdings in weiblicher Begleitung. Das sollte sich später noch als Glücksfall heraus stellen, aber anders als ihr jetzt denkt. Dank Ingenieursgehalt mit übertariflicher Zulage konnten wir uns ein Zimmer mit Frühstück bei meiner betagten Zimmerwirtin Mrs. White in Douglas leisten, die natürlich „werri dileihtid“ war mich wiederzusehen. Selbstveständlich wurde als erstes die berühmte Fairy Bridge angesteuert, um den „Little Men“ die gebotene Ehrerbietung zu erweisen. Wer das nicht tut, muß bekanntlich mit Kurbelwellen- und Rahmenbruch in allernächster Zeit rechnen.

Foto: the famous Laxey Wheel
Der nächste Programmpunkt war eine Kursumrundung, um Inge die verschiedenen Streckenpunkte zu zeigen, die so klangvolle Namen wie Quarter Bridge, Ballacraine, Cronk-y-Voddy, Kate’s Cottage und Creg ny Baa tragen, um nur einige zu nennen. Hinter Sulby ist die Straße frei und so beschleunige ich etwas flott aus der Ortschaft heraus für ein paar Sekunden.
In der Ferne steht ein Mini am Straßenrand geparkt. Ich nehme etwas Gas weg und beobachte den Mann der daneben erscheint. Er streckt eine Hand gebieterisch in die Luft. Es handelt sich um einen der sonst immer freundlich lächelnden Verkehrspolizisten. Er fragt streng, ob ich das 30 mph Speed Limit bemerkt hätte. Nun ich hatte, war jedoch der Meinung, daß dies am Ortsende wieder aufgehoben war — war es nicht. „Wie schnell ich gefahren sei“ wollte er wissen. 80 km/h vielleicht antwortete ich. In Wirklichkeit waren es 65 Meilen pro Stunde, also exakt 104,6 km/h, grün auf schwarz digital angezeigt auf einer handlichen Radarpistole amerikanischer Bauart.
Solche moderne Technik gab es damals in Bayern noch nicht.
Die Gerichtsverhandlung fand wenige Tage später statt. Pünktlich um 10h betrat ich zusammen mit sechs weiteren Leidensgenossen den Gerichtssaal in Douglas. Wir wurden der Reihe nach aufgerufen und nach der einfachen Formel je Meile Übertretung ein Pfund Geldbuße abgeurteilt
Die erste Frage des Richters war „guilty or not guilty?“. Ich plädierte auf schuldig und ich bekam 35 Pfund plus 1 Pfund Gerichtskosten aufgebrummt. Nachdem sich der Richter vergewissert hatte, daß ich die Strafe auch bezahlen konnte, durfte ich Geld samt Führerschein auf der Polizeidienststelle hinterlassen. Den Führerschein durfte ich vor der Abfahrt wieder abholen.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Inge pilotierte die Laverda und ich versuchte meine anfängliche Angst dadurch zu überwinden, daß ich Fahraufnahmen vom Sozius aus machte. Nie zuvor hatte ich vor 52 PS mehr Respekt. Vor allem in Linkskurven, wo meine Freundin auf der rechten Fahrspur um die Ecke kam. Gottseidank sind die Manx People da sehr entspannt, weichen aus und geben Handzeichen, wenn man sich auf der falschen Seite befindet. So verging die Woche wie im Flug. Auf der Rückreise besuchten wir den Lake District und das wunderbare Bootsmuseum in Windermere.

Ende August erhalte ich ein hochoffizielles Schreiben des Generalkonsulats der BRD in Liverpool zusammen mit einem Barscheck über 36 Britische Pfund. Beigefügt ist ein Brief der IOM-Polizeibehörde in dem von Fehlern beim Erlassen der besagten Geschwindigkeitsbeschränkung die Rede ist. Meine Verurteilung ist daher nichtig und aufgehoben. Fairplay at its best!

Im Jahr darauf heirateten wir. Inge hatte nicht nur den Motorradführerschein, sondern auch ein eigenes Motorrad, eine MZ 250 in postgelb. Gleiche Farbe wie meine alte Jawa damals. Für unsere gemeinsamen Motorradtouren erwies sich die MZ jedoch als denkbar ungeeignet.

Der Leistungsmangel war eklatant und wir studierten die Anzeigen in „Das Motorrad“. In Aachen verkaufte jemand seine Moto Morini 3 1/2 mit wenig Kilometer und Baujahr 1978. Wir fuhren mit dem Auto zur Besichtigung. Gekauft wie gesehen und probegefahren. Das Bild zeigt die beiden Italienerinnen vereint nebeneinander auf dem Sportplatz bei der VOC-Rallye 1982 in Niederwetz. Für die Vincent Fans unter euch habe ich noch ein Foto der extrem seltenen Rennversion Black Lightning von Kurt Schupp aufgenommen im gleichen Jahr.

Im Dezember kam Stefanie zur Welt und für das Motorradfahren war erst mal keine Gelegenheit mehr. Die Bikes blieben aber brav in der Garage und warteten auf „das Leben danach“. Mehr dazu im Teil 3.

Vincent Black Lightning
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